Lionhead.org liegt brach, ...
und das schon seit geraumer Zeit. Ehrlich gesagt seit dem 2. September 2005. An diesem Tage
nämlich
passierte etwas, mit dem keiner so richtig gerechnet hat. Kaufi, der Besitzer dieser Domain, war
plötzlich tot.
Und das passierte einfach so, ohne Vorwarnung, ohne Krankheit oder sonstige Gebrechen. Er war
gerade mal 27 Jahre alt. Das ist nun wirklich kein Alter, in dem man einfach mal so sterben
könnte, oder? Ich meine, da gibt es einige Stars, die es auch nicht bis zum 28. Lebensjahr
gebracht haben. Curt Cobain
ist nur 27 Jahre alt geworden.
Jim Morrison von den
Doors erreichte auch die bezeichnende Marke von 27 Jahren und hauchte dann sein Leben aus.
27 ist irgendwie die magische Zahl. Wenn ein Star über sie hinweg ist, kann er sich getrost
zurück lehnen und ein unbeschwertes Leben genießen. Aber was hat das mit Kaufi zu tun? Der war
kein Star, der hatte mit Drogen nichts am Hut, wenn man ein gelegentliches Pfeifchen mal aussen
vor lässt, der war halt ganz normal.
Er war in den Urlaub gefahren, wie er es öfter tat. Mit dem Motorrad, was seine große
Leidenschaft war. Schon Wochen vorher hat er uns damit genervt (wie jedes Mal). "Noch 23 Tage ..." Und schaute uns erwartungsvoll grinsend an. Keiner von uns fragte mehr was in 23 Tagen wäre. War ja klar. Da hatte er wieder Urlaub. Und wir nicht. Am Anfang war sowas ja ganz witzig, aber irgendwann ignoriert man es nur noch, vor allem wenn man selbst gerade im Stress ist. Und das waren wir. Wir anderen konnten uns keinen Urlaub leisten, waren schon froh wenn wir zwischenzeitlich mal den Kopf frei kriegten um uns zu treffen. Oh ich weiss nicht wie oft ich Kaufi kurz vor seinem Tod hab abblitzen lassen, wenn er mit mir etwas unternehmen wollte. Mein kopf brummte, und ich wollte meine Ruhe. Woher sollte ich auch wissen dass es meine letzte Chance war, noch Zeit mit ihm zu verbringen?
Wie dem auch sei, er fuhr in den Urlaub, und einen Tag bevor er zurückkommen sollte erreichte
mich der Anruf: "Kaufi ist tot". Dass das ein Schock war habe ich in dem Moment überhaupt
nicht begriffen. Ich wunderte mich nur irgendwie dass die Welt immer noch so war wie sie war,
ohne dass man eine Veränderung merkte. Es war alles so normal, und das war irgendwie falsch.
Ich wunderte mich darüber, keine Trauer zu spüren. Und ich fragte mich im nächsten Augenblick
wie sich Trauer eigentlich anfühlen soll. Das was ich mir unter "Trauer" vorstellte fühlte
ich jedenfalls nicht. Ich fühlte gar nichts, noch nicht mal diese Leere von der die Leute
oft reden wenn sie geliebte Menschen verlieren. Herrjeh, bin ich ihm so eine schlechte
Freundin gewesen, dass ich es nicht mal fertig brachte, nach seinem Tod traurig zu sein?
Und dieses verdammte Motorrad, ich hab mir den Mund fransig geredet um ihn davon abzubringen,
aber er war so begeistert davon. Wollte nicht akzeptieren dass das Ding gefährlich sein kann.
Zuletzt wollte er mich auch noch mit Sprüchen wie: "Ich fahr nicht mehr Fahrrad, ist mir viel
zu gefährlich. Viel zu wackelig. Ein Motorrad ist sicherer, das steht schon durch die
Geschwindigkeit gerade" dazu überreden, dass die Dinger ungefährlich sind. Oder er wollte
mich ärgern, wer weiss? Ich hab mich darüber tierisch aufgeregt.
Am 2. September ist er, früher als seine Reisegruppe aufgebrochen um nach Hause zu fahren.
Irgendwo in einer Gebirgskurve ist er dann von der Straße abgekommen und zehn Meter in die
Tiefe gestürzt. So war es, wenn man es genau nimmt nicht das Motorrad, das ihn das Leben
gekostet hat, sondern die Tatsache, dass der Ort an dem der Unfall passierte unglücklich hoch
lag und er sehr tief gefallen ist. Er war sofort tot. Erst Stunden später wurde er entdeckt und
geborgen. Niemand weiss, warum dieser Unfall passierte und wer schuld daran ist, doch ich bete
zu Gott, dass er nicht durch einen anderen Menschen verursacht wurde. Denn keinem würde ich
wünschen mit der Bürde dieser Schuld leben zu müssen.
Er ist in den Urlaub gefahren, und er ist noch nicht zurückgekommen. Irgendwie hat man immer
noch das Gefühl, er sei im Urlaub und er wird zurückkehren. Es dauert nur länger. Das ist
das Problem daran wenn jemand sich verabschiedet und eine Reise antritt, von der er nicht
zurück kehrt. Er bleibt für das Bewusstsein seiner Freunde auf der Reise, man hat das
Gefühl, der Zustand wäre nur vorübergehend. Mittlerweile schleicht sich so langsam das
Verstehen ein, auch das Verstehen darüber, was mit mir passiert ist als er gestorben ist.
Ich habe nicht - nicht - getrauert, sondern ich habe es einfach nicht gespürt. Ich habe
vieles nicht gespürt in der Zeit danach. Ich habe einfach weiter funktioniert, auch wenn ich
Wochen lang zu nichts fähig war. Mein Körper hat mir irgendwann ganz unmissverständlich gezeigt,
dass ich jetzt eine Pause machen muss bevor ich endgültig zusammenbreche. Mir ging es plötzlich
einfach körperlich so schlecht, dass ich nicht mehr konnte.
Trauer über den Verlust eines Menschen ist etwas ganz anderes als Liebeskummer und alle anderen
Arten von Kummer. Mal ehrlich, die sind doch alle letztentlich sehr egoistisch. Es geht darum,
dass ein geliebter Mensch jetzt einen anderen liebt, oder dass er einen einfach nicht mehr
liebt. Was man aber dabei vergisst ist, man kann immer noch den Telefonhörer abnehmen und
die Nummer dieses Menschen wählen um mit ihm zu reden. Man muss sich nur überwinden. Man kann
immer noch an seiner Tür klingeln, oder ihn in der Stadt treffen. Er ist noch da, wenn auch nicht
mehr so nah wie man ihn gerne hätte.
Aber wenn jemand stirbt, kann man das nicht mehr. Und die erste Angst, die in mir aufstieg als
ich die Information über seinen Tod erhielt war nicht "Ich kann ihn nicht mehr sehen", sondern
"Was macht seine Mutter nur jetzt? Wie übersteht sie das?"
Trauer um einen Toten ist nicht egoistisch und wohl eigentlich die einzig ehrliche Form
von Trauer. Vielleicht hat man deswegen so ein Problem damit, sie zu entdecken.
Ich hatte von Anfang an vor, auf diese Domain eine Gedenkseite für Kaufi zu setzen,
aber bis heute hatte ich nicht die Kraft, damit anzufangen. Stück für Stück werde ich ab Heute
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